Aus der Hausarbeit von Anna aus Toulouse:Wenn man in Frankreich lebt, so fällt einem nach einiger Zeit auf, dass in Frankreich der Umgang mit der Natur ein ganz anderer als z.B. in Deutschland ist. Vielleicht lässt sich diese Mentalität am besten anhand eines Beispiels verdeutlichen. Im Süden Frankreichs ist es ein ganz alltägliches Bild, dass man seine Holzabfälle und seinen Bauschutt im eigenen Garten verbrennt. Dies sieht man nicht nur im privaten Bereich sondern auch beim Bau öffentlicher Gebäude. Andere Abfälle, welche nicht verbrannt werden können, verrotten schlichtweg auf manchen Grundstücken. Sobald man die Städte und Vorstädte verlässt, findet man oft Grundstücke vor, bei denen alte Autos und anderer Schutt geradezu einwachsen.Dieses Verhalten ist zwar offiziell nicht erlaubt, man findet es auch eher in ländlichen Regionen, es stört dennoch keinen und gehört zum normalen Alltagsbild.Allerdings muss auch gesagt werden, dass in Frankreich zum Teil weniger in die Natur eingriffen wird als in anderen Ländern. In Frankreich findet man viele Regionen vor, in denen noch relativ unberührte Naturabschnitte existieren oder Regionen, in denen man einfach die Umgebung der Natur überlässt. So verwildern z.B. viele Dörfer im Massiv Central aus denen die Bewohner weggezogen sind.In punkto Umweltschutz ist Frankreich manch anderen EU-Mitgliedern hinterher. Von Maßnahmen wie Dosenpfand ist man in Frankreich weit entfernt und auch das Recyclingprogramm läuft nur langsam an.Über die Luftverschmutzung hört man weniger in Frankreich, obwohl jeder zweite verkaufte Wagen ein Diesel ist. Der Dieselkraftstoff ist wesentlich günstiger als Benzin, belastet jedoch die Umwelt auch sehr viel stärker. Der Grund warum die hohe Luftverschmutzung durch die Dieselfahrzeuge nicht so auffällt, mag mit der Größe des Landes zusammen hängen.Weit kritischer wird die hohe Wasserverschwendung in der Landwirtschaft angesehen, immerhin stellt der landwirtschaftliche Wasserverbrauch zu Bewässerungszwecken 79% des Gesamtverbrauchs in Frankreich dar, was gerade im Süden in den trockenen Sommermonaten zu Wassermangel führt, so dass sowohl für die Landwirte als auch für den Privatkonsumenten im Sommer Wasserrestriktionen gelten.Was Frankreichs Energieprogramm betrifft, so gehen die Meinungen weit auseinander. Während andere EU-Mitglieder stark die übergeordnete Rolle der Atomenergie in Frankreich kritisieren, hält die französische Regierung weiter an ihr fest, mit der Begründung, dass Atomkraft weniger die Umwelt belastet als Energie auf Erdölbasis, eine Entscheidung die von der Bevölkerung akzeptiert wird.------
Auszug aus der Hausarbeit von Anna aus Toulouse:
Die unbedachte und sorglose Einstellung im Umgang mit der Umwelt verdeutlicht sich auch im Unglück der AZF Explosion vor fünf Jahren in Toulouse, welche ich auch persönlich miterlebt habe.Als im September 2001 in Toulouse in der Düngermittelfabrik AZF mehrere tausend Tonnen Ammoniumnitrat explodierten, sprach man von einer Chemiekatastrophe großen Ausmaßes.Ich selbst befand mich zum Zeitpunkt des Geschehens in der Schule. Die Explosion selbst fand morgens gegen 10 Uhr statt. Da wir gerade Pause hatten, befanden wir uns auf dem Schulgelände und nahmen auch die Explosion trotz einer Distanz von ca. 10 km deutlich wahr. Dass es sich dabei um eine Explosion größeren Ausmaßes handeln könnte, dachte keiner von uns. Es ging zunächst der Unterricht wie gewohnt weiter bis etwa nach einer Stunde erste Informationen einer großen Explosion zu uns durchdrangen. Zu dem Zeitpunkt wurden wir dann auch strikt angewiesen, weder das Gebäude zu verlassen noch die Fenster zu öffnen. Die rötliche Wolke, welche über dem Unglücksort entstanden war und die sich zuerst in nördlicher Richtung zur Stadtmitte hin und später nach Westen bewegte, konnten wir ebenfalls sehen. Innerhalb kürzester Zeit waren die Straßen menschenleer, man konnte beobachten, wie die Leute in den Gebäuden Schutz suchten. Zu dem Zeitpunkt brach auch in der Schule das Chaos aus. Viele Schüler versuchten telefonisch Angehörige zu erreichen, was jedoch nicht möglich war, da das Telefonnetz längst zusammengebrochen war. Das Gebäude durften wir ohne die Begleitung eines Erziehungsberechtigten nicht verlassen. Ich selbst wurde etwa zwei Stunden nach der Explosion von meinem Vater von der Schule abgeholt, andere Schüler harrten noch Stunden im Gebäude aus, bis schließlich Entwarnung gegeben wurde. Die Explosion, welche wir am Anfang kaum wahrgenommen haben und die sich dann innerhalb kürzester Zeit zu einem riesigen Schreckgespenst entwickelt hatte, erwies sich im Nachhinein als Katastrophe größeren Ausmaßes. Der größte Schaden entstand durch die Druckwelle, welche alle umliegenden Gebäude schwer beschädigte. Im Umkreis von fünf Kilometern gingen die Fensterscheiben zu Bruch. Auf der nahe liegenden Stadtautobahn wurden zahlreiche Autos durch den Schutthagel zerstört und ihre Fahrer verletzt.Die Warnungen, die Gebäude nicht zu verlassen und möglichst kein Wasser zu verbrauchen, wurden jedoch schon frühzeitig wieder aufgehoben, da laut ersten Messungen weder in der Luft noch im Wasser gesundheitsgefährdende Schadstoffe festgestellt werden konnten. Die Ursachen der Explosion sind bis heute umstritten, einig ist man sich jedoch, dass die Schutzvorkehrungen ungenügend waren, zudem die Fabrik für einen Notfall unzureichend ausgerüstet war. Eine Nachwirkung, welche man bis heute noch spüren kann, ist die Wohnungsknappheit in Toulouse. Bei der Mehrheit der zerstörten Gebäude handelte es sich um Sozialwohnungen, welche auch heute noch unbewohnbar sind.Über nachhaltende umweltschädliche Folgen ist jedoch nichts bekannt, was auch an der „Geheimhaltungspolitik“ der französischen Regierung liegen kann. (So ist z.B. die Wolke von Tschernobyl laut französischer Regierung nie in Frankreich angekommen, was de facto natürlich nicht der Fall war.)Letztendlich ist man jedoch froh in Toulouse, noch so glimpflich davon gekommen zu sein, da sich direkt neben dem AZF Gelände eine Fabrik befindet, welche Raketentreibstoff herstellt. Diese wurde glücklicherweise nur leicht beschädigt, das Unglück hätte sonst wohl ganz andere Ausmaße angenommen.Diese Katastrophe hat in ganz Frankreich eine Welle der Bestürzung ausgelöst. Vielleicht führt sie dazu, dass in Frankreich die Schutzvorkehrungen verschärft und ernst genommen werden, um sowohl Mensch als auch Natur vor den direkten und indirekten Folgen des oft so sorglosen und unachtsamen Umgangs mit der Umwelt in Frankreich besser zu schützen.